Na!? Wer?
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NA!? WER? 02/05/2019

Melanie Budde und ihr unverpacktes Glück: „Auch ich lerne noch - gemeinsam mit meinen Kunden!“

von Hannah Hoffmann

Für uns ist es ein etwas anderer Interview-Termin als sonst, denn wir hinterfragen plötzlich alles, was wir normalerweise so beiläufig in die Redaktionstasche werfen würden: Papier zum Mitschreiben? Etwas Kleingeld für den Becher Kaffee vom Bäcker nebenan? Das muss alles vielleicht gar nicht sein ...

Melanie Budde eröffnete am 19. März diesen Jahres den ersten Unverpackt-Laden in Aachen, das "Unverpackte Glück in Aachen" in der Elisengalerie und zeigt, wie nachhaltiger und bewusster Konsum gehen kann - wenn man sich denn drauf einlassen möchte. Denn mit seinem alltäglichen Tun (und Lassen) Rücksicht zu nehmen auf die Umwelt und auf die Menschen, die in Zukunft in ihr leben werden, ist eine Umstellung, das bestätigt auch Melanie Budde. Es waren ihre eigenen Kinder, die durch Gespräche und besondere Aktionstage in der Schule auf das Thema Nachhaltigkeit aufmerksam wurden und sie zunehmend mit Fragen löcherten. "Mama, du hast doch immer eine Lösung für alles!" hieß es. "Kannst du da nicht was machen?" Mit ihrem Unverpackt-Laden geht Melanie Budde sogar einen Schritt weiter: Sie tut nicht nur selbst etwas, durch ihr Angebot hilft sie anderen, etwas zu ändern. Das hat uns inspiriert. Denn als NetAachen sind auch wir ständig auf der Suche nach Möglichkeiten, unseren ökologischen Fußabdruck soweit zu schmälern, wie es nur geht. So wird NA!? seit vielen Jahren schon nicht mehr auf Papier gedruckt, sondern ist (und bleibt) ein reines Online-Magazin. Unsere Rechnungen versenden wir überall elektronisch, wo wir die Möglichkeit dazu haben. Wir ermuntern uns gegenseitig zum Mülltrennen, Fahrradfahren und treffen uns regelmäßig in der Küche beim Auswaschen unserer Tupperdosen. Wir sind noch lange nicht am Ziel, aber eines haben wir aus dem Gespräch mit Melanie Budde mitgenommen: In Punkto Nachhaltigkeit geht es nicht darum, perfekt zu sein und möglichst viele Fehler beim Anderen zu suchen.

Nicht nur vordergründig, auch hinter den Kulissen wird auf Verpackungsmüll verzichtet. Melanie Budde nutzt dafür zum Beispiel umweltfreundliche Cellulose-Verpackungen oder Pfandeimer. „Und bei mir gibt es keinerlei Printwerbung oder Werbeblättchen!“, sagt sie stolz.
Melanie Buddes Empfehlung: Die Salzmandeln in der Geschmacksrichtung „Rauchiger Pfeffer“. Davon nehmen wir gleich mal ein Glas voll mit in die Redaktion!
Das Glas mit den Rauchmandeln war übrigens innerhalb von wenigen Minuten leer. Wir empfehlen an dieser Stelle weiter!

„Ich bin da ganz ehrlich: Auch bei uns zuhause gibt es abends auf dem Sofa ab und zu noch Chips aus der Tüte“, erzählt sie uns. „Als berufstätige Mutter von drei Kindern bin ich eben nicht immer toporganisiert und muss hin und wieder zum Discounter, weil doch noch etwas für´s Abendessen fehlt. Auch ich lerne noch – gemeinsam mit meinen Kunden. Wir befinden uns schließlich alle auf dem gleichen Weg, hin zum umweltbewussten, entschleunigten Einkaufen.“

Na.de: Melanie, nimm uns einmal mit auf die Reise. Wie kam es zu „Unverpacktes Glück in Aachen“?

Melanie Budde: Ich bin ursprünglich Hebamme und habe diesen Beruf auf 15 Jahre lang sehr gerne ausgeübt. Nachdem mein drittes Kind auf die Welt kam, habe ich aufgehört und bin dann später über meinen Mann im Reformladen gelandet (Reformhaus Heift, Anm. d. Red.). Hier habe ich angefangen, mich immer mehr mit dem Thema Nachhaltigkeit, Ökologie und gesunder Ernährung auseinanderzusetzen. Den Traum vom ersten Unverpackt-Laden in Aachen, haben unter anderem meine Kinder durch ihre vielen Nachfragen angestoßen. Die konkrete Idee ist tatsächlich erst im Spätherbst 2018 entstanden. Von da an ging alles sehr schnell. Die Ladenfläche in der Elisengalerie wurde frei und die Sparkasse Aachen kam uns als Vermieter sehr entgegen. Über eine Crowdfunding-Aktion haben wir zusätzliches Startkapital gesammelt …

Na.de: Das klingt, als hättest du die Idee ziemlich rasant durchgezogen!

Melanie Budde: Letztendlich ging das alles sehr rasant, das stimmt. Die ganze Vorbereitung und Planung hat mich einiges an Arbeit und viele schlaflose Nächte gekostet. Aber ich wusste immer, wofür ich das mache.

Na.de: Und heute hat „Unverpacktes Glück in Aachen“ bereits seinen ersten Monat im Aachener Einzelhandel hinter sich. Wie stolz sind deine Kinder auf dich? Was hat sich für deine Familie verändert?

Melanie Budde: Ich habe die vielen Fragen meiner Kinder zum Thema Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein natürlich konsequent zu Ende gedacht. Meine Kinder sind total stolz, aber natürlich nicht begeistert davon, wenn sie jetzt mit Jutebeutel und fester Seife zum Sport gehen sollen. Aber da bin ich sehr entspannt. Ich möchte mit meinem Angebot niemanden bekehren, auch nicht meine eigenen Kinder. Ich möchte erst einmal die Möglichkeit schaffen, auf überflüssigen Verpackungsmüll zu verzichten. Ich wünsche mir ein Umdenken in der Gesellschaft, keinen Wettstreit, wer es am besten macht.

Na.de: Was hat sich seit der Eröffnung des Ladens für dich persönlich verändert?

Melanie Budde: Ich habe mich zwar schon viele Jahre mit den Folgen meines eigenen Konsums auseinandergesetzt, doch seit es „Unverpacktes Glück in Aachen“ gibt, sind mir viele Dinge doch nochmal ein ganzes Stück bewusster geworden. Ich stehe unglaublich gerne in meinem Laden und beobachte, wie entspannt Einkaufen tatsächlich sein kann. Hier gibt es kein Gedränge, keine aufdringliche Werbung, keine irritierenden Rabattaktionen, die nur zu noch mehr Konsum animieren sollen. Es ist ein absolut entschleunigtes Einkaufen. Hier im Laden kann man zur Ruhe kommen und sich darüber bewusst werden, was man eigentlich braucht – und was nicht.

Na.de: Gab es viel Skepsis oder Kritik im Vorfeld? Wie geht’s du mit den Rosinenpickern um, die vor allem nach einer Möglichkeit suchen, doch noch ein konzeptionelles Fehlerchen anzukreiden?

Melanie Budde: Die Rosinenpicker gibt es natürlich immer. Denen muss man einfach mit ein bisschen Selbstbewusstsein entgegentreten und das habe ich glücklicherweise. Viele haben im Vorfeld gesagt oder sagen immer noch, dass sich mein Laden keine 3 Jahre halten wird, dass spätestens dann die großen Supermärkte mit dem gleichen Angebot an seine Stelle treten. Aber ist das nicht eigentlich genau das, wo wir hinwollen? Ich möchte mit „Unverpacktes Glück“ kein Exot im Einzelhandel sein. Ich möchte, dass es normal ist, so einzukaufen, wie hier. Auch bei Edeka, REWE & Co.

Na.de: Gibt es denn nicht irgendetwas, was dich aus der Ruhe bringt?

Melanie Budde: Bei dem ganzen Thema gibt es nur eines, was mich aus der Ruhe bringt und das ist Ignoranz. Menschen, die glauben, dass sie nur für sich selbst leben und keine Rücksicht auf ihre Umwelt und ihre Mitmenschen nehmen müssen. Da werde ich dann auch mal wütend.

Na.de: Melanie, vielen Dank für das Gespräch!