Na!? Wer?
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Eine Trainerin mit klarer Ansprache: Saskia van Hintum (hier mit ihren Zuspielerinnen Lindsay Dowd und Kimmy Whitson).
NA!? WER? 26/11/2016

Ladies in Black: Klare Vorstellungen vom "Aachener Weg" - Trainerin Saskia van Hintum lebt sie vor!

von Bernd Born

Felix Koslowski, Guillermo Hernandez, Alexander Waibl, Dirk Groß oder Andreas Vollmer - die Beletage des Deutschen (Frauen-)Volleyballs ist mitunter zu einer reinen Männerdomäne geworden, zumindest dann, wenn man sich ausschließlich auf die Besetzung der Cheftrainer-Bänke konzentriert. Die ganze Bundesliga? Nein! Ein von unbeugsamen Öchern bevölkerter Sportverein hört nicht auf, Widerstand zu leisten ... Spaß und Asterix beiseite; es sind tatsächlich die Ladies in Black Aachen, die in der Saison 2016/2017 mit dieser ungeschriebenen Gesetzmäßigkeit gebrochen haben. Für Saskia van Hintum, 46 Jahre jung und 275-fache niederländische Nationalspielerin, spielt das Einbrechen in diese Phalanx aber nur eine untergeordnete Rolle: Der neuen starken Frau auf der sportlichen LiB-Kommandobrücke geht es vielmehr darum, dem zwischen den Spielzeiten finanziell ins Schlingern geratenen Erstligisten wieder festen Boden unter den Füßen zu verschaffen - mit sukzessive wachsendem Erfolg und einem sportlichen Konzept, das nicht nur auf ein Jahr ausgerichtet ist.

Das NA!?-Gespräch mit Saskia van Hintum - sozusagen der krönende Abschluss der Serie beziehungsweise Vorstellungsrunde "WhatsApp von den Ladies".
Die Ladies in Black 2016/2017 - am Wochenende geht's in Berlin weiter ...

Nach sieben Spielen (fünf in der Liga, zwei im Pokal) lässt sich zumindest schonmal festhalten, dass die Liga von Schwerin und Dresden bis nach Stuttgart und Vilsbiburg vom neuen "Aachener Weg" Notiz genommen hat. Und von Saskia von Hintum, die sich gar nicht groß "freischwimmen" musste, sondern stattdessen den Respekt ihrer männlichen Kollegen einsammelte. Die neuformierten Ladies lassen großes Potenzial erkennen, dem jungen Team um Kaptänin Lindsay Dowd wird allgemein zugetraut, nach den Spielen gegen die Hochkaräter der Liga jetzt noch besser in die Spur zu finden. Von "zu zeigender Wettbewerbsfähigkeit" spricht längst keiner mehr.

"Klar, es gibt immer wieder Spielabschnitte, in denen unsere Fehlerquote noch zu hoch ist", gesteht Saskia van Hintum ein: "Das wissen wir und arbeiten hart daran, dass die Tiefen weniger tief und unsere Höhen noch höher werden." Die Siege im Pokal gegen Erfurt (3:1) und vor allem das glatte 3:0 beim VfB Suhl hätten der Mannschaft das nötige Vertrauen gegeben - "auch wenn wir nach fünf Spielen erst drei Punkte auf der Habenseite vorweisen können, ich bin alles andere als unzufrieden, mehr noch: ich hätte nicht erwartet, dass wir zu diesem frühen Zeitpunkt schon so weit sein würden. Es geht Woche für Woche ein Stückchen voran."

Und so macht die Olympiateilnehmerin von Rio 2016 (als Co-Trainerin der niederländischen Frauen-Nationalmannschaft unter Giovanni Guidetti, Platz 4) auch einen relaxten und sehr aufgeräumten Eindruck, als wir am gestrigen Donnerstag unserer Verabredung im K1 Bistrorant des PTSV Aachen nachkommen. Keine Spur von irgendeinem Druckempfinden, das doch nur allzu erklärlich wäre, schließlich stehen am Wochenende die Partien beim Köpenicker SC Berlin und VCO Berlin an; zwei Teams, bei denen man eigentlich zum punkten verpflichtet sein sollte. "Mein letzter Gedanke, bevor ich abends zu Bett gehe, ist Volleyball - und mein erster, wenn ich morgens wieder aufstehe"; so die Deutsche Meisterin, Pokalsiegerin und Europapokalsiegerin (1993 mit CDJ Berlin): "Klar ist mir bewusst, dass uns gerade in der jetzigen Phase zählbarer Erfolg gut zu Gesicht stehen würde, doch ich konzentriere mich lieber auf die Dinge, die ich beeinflussen kann, um das Team bestvorbereitet in die Matches zu schicken." Es klingt großes Vertrauen mit, wenn Saskia van Hintum von ihren Spielerinnen spricht. Vertrauen, das sie mit jeder Trainingseinheit oder sonstigen Begegnung auf und neben dem Volleyballfeld vorlebt: "Das Alter spielt für mich keine Rolle - die Herausforderung 1. Bundesliga ist für alle gleich; und somit das sportliche Niveau, auf dem wir uns begegnen." Die in Vught (Niederlande) geborene ehemalige Zuspielerin hat sich zwar als Ausbildungstrainerin einen Namen gemacht, dennoch bereite ihr auch die Arbeit mit 20- bis 30-Jährigen enorm viel Freude: "Man kann in jedem Alter dazulernen und sich weiterentwickeln."

Bei der Zusammenstellung ihres Kaders für die Saison des Neuaufbaus hat Johanna Antoinette Petronella "Saskia" van Hintum, so ihr auf Wikipedia geführter vollständiger Name, ganz genau hingeschaut und - Stand Hier und Jetzt - alles richtig gemacht. "Die Mädels hängen sich voll rein, wollen sich mit jedem Training verbessern und haben bereits ein hohes Identifikationspotential mit Verein und Stadt entwickelt", so die Übungsleiterin, die wöchentlichen Deutschunterricht eingeführt hat und auch wie jüngst mit von der Partie ist, wenn die Amerikanerinnen im Team, Lindsay Dowd, Kimmy Whitson und McKenzie Adams, zum großen Thanksgiving-Dinner einladen: "Wir haben keine Stars und sind nicht abhängig von einigen wenigen Spielerinnen - das mag ich! Daher ist es mir sehr wichtig, dass alle wissen, dass sie gebraucht werden."

Wir haben der Trainerin gegenüber mit offenen Karten gespielt und sie darüber unterrichtet, das wir bereits im Vorfeld des Termins hilfreiche "Hausaufgaben" gemacht haben. Teambetreuer und Hallensprecher André Schnitker konnte uns auf Nachfrage mitgeben, dass ihn besonders der Trainerins "unheimlich schöne und effektive Mixtour aus strenger Führung und situationsbedingtem Laufenlassen" fasziniere. Natürlich haben wir nachgefragt, um die Einschätzung des Experten dingfest zu machen. Saskia van Hintum, die sich selbst als energievoll, ehrgeizig und motiviert beschreibt, legt größten Wert auf Pünktlichkeit und eine professionelle Trainingseinstellung: "Ich suche stets den Austausch, möchte ganz bewusst ein Feedback zur jeweiligen Trainingseinheit erhalten oder wissen, wie es der jeweiligen Spielerin geht. Dann kann ich die Dinge schon im Vorfeld richtig einordnen." Oder gegensteuern, etwa wenn ein weniger guter Gemütszustand - gerade in der dunklen Jahreszeit - bedrohliche Kreise zu ziehen droht: "Wenn man jeden darauf anspricht, dass er doch bestimmt auch müde sei, dann geht es definitiv in die falsche Richtung."

Womit man die 46-Jährige auf die Palme bringen kann? Auch dazu gibt's nach kurzem Überlegen eine messerscharfe Antwort: "Wenn ich im Training eine Übungsform klar ansage, nochmal nachfrage, ob alles verstanden worden ist und es dann dennoch nicht beherzigt wird." Noch etwas? Meckern um des Meckerns willen ginge gar nicht. Allzu verständlich! Wir schwenken auf die von unserem Informanten beobachteten Phasen des Laufenlassens um. "Ja", sagt Saskia van Hintum, "das stimmt, dann lege ich die Verantwortlichkeit voll und ganz in die Hände der Mannschaft und beobachte viel. Schließlich kommt es ja auch im Spiel oft genug darauf an, in einer kniffligen Spielsituation die richtige Entscheidung zu treffen."

Die während ihrer aktiven Karriere in den Niederlanden, Deutschland, Italien und Belgien aktive Volleyballerin aus Leidenschaft macht gar keinen Hehl daraus, dass sie viel von ihren Akteurinnen verlange: Eine aufs Spielsystem ausgerichtete taktische Disziplin, Ehrgeiz, Kampfgeist, nie aufgeben und nie den Kopf hängen lassen - dazu gute Entscheidungen im Sinne der Erholung und eine gesunde Ernährung. "Ich glaube, dass wir in der relativ kurzen Zeitspanne, in der wir jetzt zusammen sind, schon viel davon umsetzen und zeigen konnten", so Saskia van Hintum, die sich auch im Verein "wunderbar aufgehoben" und genau an der richtigen Adresse fühlt: "Verantwortliche, Fans und Sponsoren - alle helfen und denken mit. Wenn man mir hier sagt, das geht nicht, dann geht's auch wirklich nicht!"

Für die LiB-Anführerin ist es daher auch eine Selbstverständlichkeit, dass sie wohnungstechnisch ihre Zelte in Aachen aufgeschlagen hat. Ehemann Hans, mit dem sie inzwischen 22 Jahre lang verheiratet ist - das Eigenheim steht in Den Dungen, einem Dorf in der niederländischen Provinz Nordbrabant, ca. 75 Autominuten von Aachen entfernt - kommt so oft er kann und greift seiner Frau unter die Arme, so zum Beispiel als Fahrer eines Kleinbusses zum Auswärtsspiel nach Suhl.

Abschließend wollten wir noch eines von unserer extrem sympathischen Gesprächspartnerin wissen: Der Aachener Weg - wie ist er zeitlich angelegt? "Ich bin niemand, der für ein paar Euro hin- und herhoppt", weiß uns Saskia van Hintum zu "beruhigen". Sie könne sich durchaus eine längere Zusammenarbeit vorstellen - alles stimme, sie fühle sich rundum wohl und habe das Gefühl, etwas richtig Gutes aufbauen zu können. Auch in punkto Kader sei es durchaus denkbar, dass eine derart drastische Fluktation wie in den vergangenen Spielzeiten vermieden werden könne. "Ich werde dennoch vor keiner Spielerin in die Knie gehen, damit sie hierbleibt - sie kennen jetzt meine Art und meine Philosophie und müssen dann ihre eigenen Entscheidungen treffen."

In diesem Sinne also. André Schnitker hat sich längst vor dem Verfassen dieser Zeilen gewünscht, dass diese "freundliche, humorvolle und stets gut gelaunte" Person zur langfristigen Lösung auf dem Trainerstuhl der Ladies in Black Aachen werde. Als Mensch und als extrem kompetente Volleyball-Expertin mit fantastischen Führungsqualitäten. Ja, wir können uns vorbehaltslos vorstellen, was er meint ... - auch wenn er sagt: "Ein Sechser im Lotto für die LiB!"

Wikipedia: Saskia van Hintum, Karriere als Spielerin und Trainerin
Frauen-Volleyball-Bundesliga: Spiele und Tabelle