Na!? Was?
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Stefan präsentiert seine heutige Buchempfehlung - natürlich stilecht vor unserer büroeigenen Leseecke.
NA!? WAS? 23/04/2019

Die (Net)Aachener Büchermesse: Über das Dreiländereck, das einmal ein Vierländerland war ...

Es könnte sich gut und gerne um eine der etwas später auftauchenden Fragen bei "Wer wird Millionär?" handeln: Wer oder was ist ein Neutral-Moresnet? Stefan ist bei der NetAachen für das Qualitäts- und Prozessmanagement verantwortlich und kennt die Antwort. Für die (Net)Aachener Büchermesse hat er einen beachtlich schweren Geschichtsband mitgebracht, der uns die Vergangenheit des ehemaligen Vierländerland genau hier in der Region erzählt: Deutschland, Holland, Belgien - und Neutral-Moresnet.

Eine alte Karte zeigt: Hier gab es einmal mehr als "nur" drei Länder ...
In unserem Bücherregal trifft Fiktion auf Geschichte.

Na.de: Stefan, dein Geschichtsband über Neutral-Moresnet sieht auf den ersten Blick nicht wirklich nach einer leichten Lektüre aus ...
Stefan: Die Dicke und Schwere des Buches haben mich tatsächlich überrascht, als es mit der Post kam. Ich habe eher mit einem kleinen Taschenbuch gerechnet. Liest man sich aber einmal ins Thema ein, stellt man schnell fest, dass ein kleines Taschenbuch dem geschichtlichen Umfang in keiner Weise gerecht werden kann.
Na.de: Wie kam es, dass du auf das heute nicht mehr existierende Neutral-Moresnet aufmerksam geworden bist?
Stefan: Ich bin in unserem Dreiländereck wortwörtlich sehr bewandert - ich habe nicht nur einen deutschen Pass, meinen Wohnsitz in Belgien und einen niederländischen Nachnamen, ich erkunde auch sehr gerne die Umgebung mit meinem Rennrad oder beim Wandern. Dabei sind mir immer wieder alte Grenzsteine und Gedenktafeln aufgefallen, zu denen ich kein geschichtliches Hintergrundwissen parat hatte. Also habe ich angefangen, mich zu informieren. Und siehe da - im heutigen Kelmis-Galmay-Gebiet gab es einmal ein eigenständiges neutrales Land, nämlich Neutral-Moresnet! Im letzten Jahr ist dann im Grenzechoverlag (hier erscheint übrigens auch die einzige belgische Tageszeitung in deutscher Sprache, Anm. d. Red.) der Geschichtsband "Der erste Weltkrieg und die Menschen im Vierländerland: Leben und Leiden der Bevölkerung vor, während und nach dem Krieg" von Herbert Ruland erschienen und ich habe ihn mir sofort bestellt, trotz einem stolzen Einkaufspreis von rund 65 Euro.
Na.de: Und heute stellst du uns das Buch als deine Empfehlung vor. Für wen genau?
Stefan: Im Grunde ist das Buch für jeden, der hier in der Region lebt oder groß geworden ist, ein wahrer Fundus aus spannenden Geschichten und Berichten. Herbert Ruland hat wirklich sorgfällig recherchiert und extrem viele Informationen zusammengetragen, auch altes Bildmaterial. Das macht es umso anschaulicher. Natürlich sollte man hier keine netten Gute-Nacht-Geschichten erwarten, denn es geht vor allem um furchtbare Kriegsgeschehnisse, die hier am Standort stattgefunden haben. Aber genau diese örtliche Nähe macht diesen Geschichtsband für mich so besonders. Ich kann jedes kleine Dörfchen, jeden genannten Ort in ca. einer halben Stunde erreichen und den Geschehnissen nachspüren. Ich kann mich auf die Suche nach Überbleibseln aus dieser Zeit machen. Geschichte wird dadurch zum Greifen nah.
Na.de: Glaubst du, die Menschen, die hier leben, wissen zu wenig über die Vergangenheit ihrer Heimat?
Stefan: Ich glaube, dass gerade die Geschichte des Vierländerlandes unglaublich viel bietet, denn sie ist nicht nur hochspannend, sondern hat sich eben genau hier, quasi um die Ecke, zugetragen. Aber wir können nur von der Historie lernen, mit der wir uns auch beschäftigen. Ich denke, dass sich viel mehr Menschen für das damalige Vierländerland interessieren würden, wenn sie wüssten, dass es existiert hat. Im öffentlichen Bewusstsein spielt das Thema aber kaum eine Rolle. Dafür müsste man zumindest den Geschichtsunterricht in den Schulen etwas mehr auf die Region abstimmen, aber das wird wohl so schnell nicht passieren.
Na.de: Zeit für einen kleinen Teaser: Was hat dich bei der Lektüre am meisten bewegt?
Stefan: Ich verstehe jetzt vor allem manche immer noch vorherrschenden Ressentiments zwischen den einzelnen Nationalitäten besser. Denn genau darum geht es ja: Geschichte betrifft uns alle, auch hier und heute. Was ich vorher auch nicht wusste: Den ersten Elektrozaun der deutschen Geschichte hat es bereits vor dem Dritten Reich hier in der Region gegeben: Er erstreckte sich vom Vaalserquartier bis zur Küste in Seeland und hat schätzungsweise tausend Menschen das Leben gekostet, darunter belgische Patrioten, die nach Flandern an die Front wollten, Deserteure, Fliehende, Spione und russische Kriegsgefangenen. Das sind jetzt aber wirklich nur zwei Beispiele von vielen!
Na.de: Stefan, vielen Dank für deine heutige Buchempfehlung - und dafür, dass du dieses schwere Buch extra mit ins Büro geschleppt hast!
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Neugierig geworden?
Hier finden Sie den Geschichtsband "Der Erste Weltkrieg und die Menschen im Vierländerland: Leben und Leiden der Bevölkerung vor, während und nach dem Krieg" von Herbert Ruland.