Na!? Bravo!
Kunst, Kultur
Ein Herz und eine Seele: Kurt Joußen, als Aachener Liedersänger in der Rolle des Lennet Kann weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, und seine Tochter Heike (Vogt) beim net(t)en NA!?-Termin in den van-den-Daele-Kaffeestuben. Und weil "et esu schönn" war, sehen wir die beiden am 28. September 2015 noch einmal in mobiler Stadtgesprächs-Mission wieder. (Foto: Bernd Born)
NA!? BRAVO! 03/07/2015

Lennet Kann - Das Musical: Die besondere Geschichte hinter der Hommage an ein Stadtoriginal.

von Bernd Born

Vätern und ihren Töchtern wird für gewöhnlich eine ganz besondere Beziehung nachgesagt. Ein Phänomen, das sich mit verallgemeinernder Fachliteratur eher unzureichend ergründen lässt - eine persönliche Betrachtung des Ist-Zustandes erscheint uns da viel empfehlenswerter: Im ganz konkreten Fall von Kurt Joußen, Ur-Öcher Liedersänger und seit nunmehr 30 Jahren hauptverantwortlich für die auf die Zielgerade eingebogene musikalische Reinkarnation des Stadtoriginals Lennet Kann (1844 - 1916), und seiner Tochter Heike ist die Besonderheit der Bindung allgegenwärtig und hätte eigentlich keiner zusätzlichen Zementierung mehr bedurft.

"Lennet Kann - Das Musical" wird mit Unterstützung des Kulturausschusses der Stadt Aachen vom zu diesem Zweck gegründeten Theater- und Konzertverein Aachen e.V. produziert und zu je 50 Prozent über Eintritts- und Sponsoren-Gelder finanziert. "Wenn wir nach den vier Aufführungen eine schwarze Null schreiben können, sind wir sehr zufrieden", so Vorsitzende Heike Vogt.
Montagabends in der Eilendorfer Tanzschule Dance Point: Das Musical-Ensemble von "Lennet Kann" ist längst zu einem eingespielten Team gereift. "Wie sich jeder einbringt, um zum Beispiel an originalgetreue Kostüme oder Requisiten zu kommen, ist schon einzigartig", beschreibt Heike Vogt das Wir-Gefühl.
Ein maßgebliches Quartett für die Lennet-Kann-Inszenierungen im Aachener Eurogress: Heike Vogt, Vater Kurt Joußen (im Lennet-Kostüm) sowie Regisseur Roman Kohnle und Kurt Savelsberg (Technische Leitung und Regieassistenz).
Das Gesamtwerk gibt es gebunden mit 72 Seiten Text, Dialogen und Noten für eine Singstimme mit Klavierbegleitung - das hier zu sehende ist allerdings "der Heike ihrs". ;-)

Eigentlich! Da es Heike Vogt allerdings ein angeborenes Bedürfnis war, "dem Papa" bei der Verwirklichung eines Lebenswerk ähnlichen Projekts entscheidend unter die Arme zu greifen, fiebern beide jetzt gemeinsam an der Spitze eines großen Ensembles dem Herbst entgegen, wenn vom 22. bis zum 24. Oktober 2015 insgesamt viermal (eine Kindervorstellung) "Lennet Kann - Das Musical" im 425 Plätze großen Brüssel-Saal des Aachener Eurogresses inszeniert wird.

Ein Montagmorgen in Aachen, 9 Uhr: NA!? ist mit der Vorsitzenden und dem Schatzmeister des für diesen Zweck neu gegründeten Theater- und Konzertvereins in den van-den-Daele-Kaffeestuben am Büchel verabredet. Der frühe Zeitpunkt zu Wochenbeginn ist bewusst gewählt, schließlich ist es der freie Tag von Physiotherapeutin Heike Vogt, die sich als alleinerziehende Mutter ein perfektes Zeitmanagement angeeignet hat. Die Jungs (Jan und Jonas, 5 und 8 Jahre alt) sind versorgt, ein herzliches Hallo und drei willkommene Kaffees weiter wird sich in den nächsten gut anderthalb Stunden alles um ein Singspiel mit Text, Musik, Gesang und Ballett in zwei Vorspielen und drei Akten drehen.

Wie es überhaupt zur konsequenten Vollendung der Hommage an eine wichtige Traditionsfigur unserer Stadt kommen konnte, weiß Kurt Joußen im detailgetreuen Zeitraffer zu erzählen. Da war zum Beispiel der traditionelle Damenabend der Alte-Herren-Fußballer des Gartenvereins Branderhof Mitte der Achtzigerjahre, als der Sohn von Opernsänger Kurt Joußen senior erstmals in die Rolle des zur Legende gewordenen Lennet Kann (Lebensgeschichte) schlüpfte und die Kultfigur seither in schöner Regelmäßigkeit zu neuem Leben erweckt. Oder der Besuch des Erfolgsmusicals "Ich war noch niemals in New York" mit den Songs von Udo Jürgens, den ihm Ehefrau Renate zum 60. Geburtstag im Jahre 2008 geschenkt hatte und der den Stein für einen seinerzeit noch tollkühnen Plan ins Rollen bringen sollte. Der Betriebsprüfer der Finanzverwaltung, der 2010 als Steuerberater umsattelte, nahm die ihm auf dem Silbertablett servierte Steilvorlage dankend auf, um nach dem Das-kann-ich-auch-Motto alle nötigen Schritte in die Wege zu leiten. "Die Idee, gesammeltes und auf diversen Tonträgern veröffentlichtes Alt-Aachener und Heimat-Liedgut in Medleys oder - noch besser - einem Singspiel zu verpacken, spukte mir ja schon lange durch den Kopf", hatte der 66-Jährigen (gibt's da nicht einen wie die Faust aufs Auge passenden Udo-Titel zu?) zunächst aber einige Klippen zu umschiffen.

Bei der GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte) knapp 40 Titel angemeldet, fehlte es dennoch an einer ummantelnden Geschichte - bis der wild entschlossene Finanzexperte eines Tages bei der Vertiefung in Reclams Operettenführer mit "Die Landstreicher" einen prädestinierten roten Faden zwischen die Finger bekam. Von nun an sollte alles verhältnismäßig zügig gehen: Das eigene Drehbuch beim eigentlich jährlich anstehenden Abspannen in Bad Reichenhall geschrieben, vollendete Heinz-Peter Geulen, bekannt als rühriger Chordirektor des Männergesangvereins Harmonia 1849, das Gesamtwerk mit den dazugehörigen Noten für 23 auserkorene Titel aus den CDs "Os Oche 1", "Os Oche 2" sowie "Lennet Kann und die Vogelsänger".

Auch wenn inzwischen ein paar Jährchen ins Land gezogen waren, das Feld für den großen Stapellauf schien bereitet. Zumal sich auch die geballte Aachener Theater-Kompetenz bei einer Präsentation in der Welschen Mühle in Haaren begeistert zeigte - einziges, für Kurt Joußen im Nachhinein nachvollziehbares Manko: "Allen in Frage kommenden Bühnen fehlte es an den erforderlichen Sängern, so dass wir die erhoffte Übergabe unseres Machwerks ans Theater schnell vergessen konnten."

"Wir hatten ein fertiges Werk, sonst nix, außer die unbändige Lust, es beherzt anzupacken", nippt der Lennet-Kann-Darsteller kurz am den Kaffee flanierenden Wässerchen, um eine kurze Phase zu beschreiben, in der das Projekt zu scheitern drohte. Dass die Geschichte hier nicht zu Ende geht, ist wohl in erster Linie der Hartnäckigkeit und der besonderen Motivation von Tochter Heike - durch eine klassische Ballett-Ausbildung (bei der großen alten Damen des Aachener Balletts, der 2004 im Alter von 89 Jahren verstorbenen Leonie Renoldi) und reichlich Showballett-Erfahrung fließt ebenfalls Theaterblut durch ihre Adern - zu verdanken. WhatsApp-Konferenzen, für die auch Papa Kurt fit gemacht wurde, das Aneignen von Experten-Know-how und das Wissen darum, dass es ein langer, steiniger Weg werden würde, mündeten schließlich in der alles entscheidenden Erkenntnis: "Wir machen es selbst!"

Seither produziert der gemeinnützige Theater- und Konzertverein Aachen e.V. mit den rechtmäßig erworbenen Aufführungsrechten, GEMA-Werknummer 10685234, "Lennet Kann - Das Musical". Vorsitzende? Na klar, Heike Vogt, die sozusagen als "Mädchen für alles" ein organisatorisches Mammutprogramm zu bewältigen hat - und als wäre es damit nicht genug, wie selbstverständlich auch noch als Darstellerin auf der Bühne zu sehen sein wird. Von der Sponsorenakquise über die Pressearbeit bis hin zur Koordination der Termine für die verschiedensten Proben-Konstellationen: Neben Job und Familie prägt das neue, auf eine gewisse Zeit angelegte Hobby "Musicalmanagerin" zu großen Stücken den Terminkalender der 37-Jährigen. Dem Papa zuliebe ("Seit ich das Musical habe, geht es mir richtig gut!"), der das unermüdliche Engagement sehr zu schätzen weiß: "Ich war schon immer stolz auf sie, doch was sie jetzt alles auf sich nimmt, setzt dem Ganzen schon die Krone auf!"

"Lennet Kann - Das Musical" spielt in Aachen an den drei tollen (Karnevals-)Tagen um 1900. Im Mittelpunkt stehen die Öcher Originale seiner Zeit mit und um Lennet Kann; die Hauptdarsteller sind aber das Lehm- und Sandverkäuferpärchen Leonhard und Mikke, das zusammen mit dem langjährigen Kurgast aus England, Lord Makei mitsamt Kurschatten Mathilde, in eine hübsche Verwechslungsgeschichte verwickelt ist. Die Proben haben unmittelbar nach Karneval begonnen und finden immer montagabends in der Eilendorfer Tanzschule Dance Point in der Von-Coels-Straße statt.

Mit Regisseur Roman Kohnle (Heike Vogt: "Er ist für uns ein Geschenk vom Himmel!"), Meinolf Bauschulte oder Kurt Savelsberg konnte sich das große Ensemble ("Obwohl es konkrete Zuständigkeiten gibt, macht hier jeder alles!") zunehmend professionell aufstellen. Und dann ist da ja auch noch "Mama" Renate Joußen, die hilft, wo sie nur kann und gerade in punkto Regie tolle Ideen beizusteuern weiß - und, ganz bestimmt sogar, vor Stolz platzen dürfte, wenn sie ihre zwei Lieben zur Premiere am 22. Oktober auf und neben der Bühne agieren sehen wird. Wir werden ein Auge drauf haben ;-)

Weitere Informationen zu "Lennet Kann - Das Musical" (Aktuelles, Ensemble, Musical, Förderer, Presse, Termine, Kartenbestellung/Preise) unter www.lkdm.de oder auf facebook  


"Lennet Kann - Das Musical"

Donnerstag, Freitag und Samstag, 22./23./24. Oktober 2015, jeweils 19 Uhr
Samstag, 24. Oktober 2015, 15 Uhr (Kindervorstellung)
Ort: Eurogress Aachen, Saal Brüssel

Ensemble: Sprechrollen - Hubert Cosler (Lord Makei), Elke Eschweiler (Mathilde), Hein Lindgens (Assessor Kappes), Patrick Deloie (Noppenei, Polizist), Solisten Gesang - Kurt Joußen (Lennet Kann), Uli Havermann (Köllepöetzer Nandes), Simon Kirch (Leonhard, Lehm- und Sandverkäufer), Katharina Schmidt (Mikke, Leonhards Frau), Lothar Engels (Franz, Freund von Mathilde), Dirk Chauvistre (Orgelsmann), Vera Kerkhoffs (Wilhelmine), Öcher Originale - Dieter Junger, Heinz Ludwig Kloeser, Heinz Dieter Wirtz, Chöre - andersArt-Sisters (Alsdorf, Homepage), Capella a Capelle (Herrenchor aus Aachen, facebook), Kinder- und Jugendchor der Pfarre St. Katharina Aachen-Forst, Die Vogelsänger - Jungen vom Kinder- und Jugendchor St. Katharina Forst, Ballett - Nathalie Jungschläger, Orga-Team - Norbert Böhm (Bühnenbild), Norbert und Gretl Böhm (Kostüme), Herbert Klinkenberg (Requisite), Steffi Klinkenberg (Inspizientin), Hubert Schönen (Souffleur), Eurogress Aachen (Bühne/Technik)

Produzentin/Künstlerische Gesamtleitung: Heike Vogt, Regie: Roman Kohnle, Musikalische Gesamtleitung: Meinolf Bauschulte, Technische Leitung - Beratung - Regieassistenz: Kurt Savelsberg