Na!? Bravo!
Kunst, Kultur
NA!? BRAVO! 07/03/2019

"In die Region hineinsprechen": Im Gespräch mit Anja Dorn, Kuratorin im Leopold-Hoesch-Museum

Anja Dorn ist in Köln geboren und hat Kunstgeschichte, Volkswirtschaftslehre und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften studiert. Sie ist als Künstlerin, Kuratorin, Kunstkritikerin und zuletzt als Professorin für kuratorische Theorie und dramaturgische Praxis in Karlsruhe tätig gewesen. Seit August 2018 ist sie die neue Leiterin des Leopold-Hoesch-Museums und des Papiermuseums in Düren. Immer wieder hörten wir die 48-Jährige über Kommunikation, Austausch und einen Dialog innerhalb der Gesellschaft sprechen. Das hat uns als Telekommunikationsdienstleister, der auch das Papiermuseum mit Internet versorgt, natürlich neugierig gemacht.

Wir treffen Anja Dorn im Leopold-Hoesch-Museum, direkt unter ihrem Lieblingskunstwerk, dem Deckengemälde von Ulrich Rückriem. "Da steckt so viel Leichtigkeit drin!", strahlt sie. Wir lassen uns durch die Sammlung führen und befinden uns schnell in einem angeregten Gespräch über Werke von Thomas Arnolds ("Duktusinduziert“ ist der Titel seiner aktuellen Ausstellung), Max Liebermann, Leopold Gottlieb oder auch Wassily Kandinsky und Paul Klee. Bei einem Kaffee erzählt uns Anja Dorn dann genauer, über was und mit wem sie kommunizieren will.

Hier findet am Wochenende "Roswitha Hefters Weekend Club" statt.
Die "Ameisenkönigin" stammt aus einem Workshop mit Flüchtlingskindern.

Na.de: Frau Dorn, vor 6 Monaten wurden Sie die neue Kuratorin des Leopold-Hoesch-Museums. Quasi zeitgleich startete auch das neu angegliederte Papiermuseum, das sich mit der Geschichte der Papierindustrie in der Region auseinandersetzt. Gibt es ein erstes Fazit?

Anja Dorn: Ich fühle mich absolut wohl an meinem neuen Einsatzort. Die Projekte und Ausstellungen, die wir hier in den vergangenen Monaten durchgeführt haben, bilden genau die Themen ab, die die Menschen bewegen. Das ist mir bei meiner Arbeit sehr wichtig. Kunst ist für mich vor allem Reflektion über gesellschaftliche Themen.

Na.de: Was für Themen sind das genau? Womit beschäftigen Sie sich?

Anja Dorn: Das ist zum einen der strukturelle Wandel in der Industrie, den wir momentan durch den Braunkohleausstieg erleben. Wir hatten eine tolle Ausstellung über Industrielandschaften, in der die Künstlerinnen und Künstler gezeigt haben, wie sie diese Veränderung in der Region wahrnehmen. Ein ebenso wichtiges Thema ist auch der Fortschritt in Sachen künstliche Intelligenz. Da haben wir durch das Forschungszentrum Jülich eine ganz wichtige Institution in unmittelbarer Nähe. Wir sprechen hier über eine Destabilisierung von bisher wirkungsvollen Mächten. Das sind natürlich Themen, die uns alle betreffen - nicht nur die Menschen in Düren. Aber genau hier beginnt der Dialog. Ich wünsche mir, dass die Kunst im Leopold-Hoesch-Museum in die Region hineinspricht, dass wir über die Landschaften reden, die uns umgeben.

Na.de: Wo wir gerade bei Landschaften sind: Sie haben schon in Köln, Karlsruhe, Florenz gelebt und bei innovativen Projekten, wie dem "DragLab" mitgemacht - was hat Sie eigentlich in ein kleines Örtchen wie Düren verschlagen?

Anja Dorn: Ich habe eine wirklich schöne Kindheit in Hürth verbracht, dadurch ist mir die Region sehr vertraut. Was sie für mich als Kuratorin heute so interessant macht, ist ihr kulturelles Erbe. Nach der Wende und dem Ende der Bonner Republik gab es einen starken "Brain Drain" in Richtung Berlin. Köln und Bonn waren die "Wende-Verlierer". Diejenigen, die diese Republik aufgebaut haben - Politiker, Künstler, etc. - gehören mittlerweile zur aussterbenden Generation. Eine neue Generation wächst heran. Die Frage ist: Welche Rolle spielen die kulturellen Institutionen jetzt in dieser neuen Situation? Und ich glaube, sie spielen eine wichtige Rolle.

Na.de: Was ist aus Ihrer Sicht die Herausforderung dieser neuen Situation?

Anja Dorn: Das kulturelle Leben zerfällt immer mehr in spezifische Räume. Der öffentliche Raum hat im Zuge der Digitalisierung an Bedeutung verloren. Die Menschen können sich heute ausschließlich in ihren eigenen Kreisen bewegen. Es gibt eine zunehmende Angst vor Andersartigkeit und Konfrontation. Wo treffen wir heute eigentlich noch andere Menschen - und vor allem: Wo finden wir die Räume dazu?

Na.de: Aber gibt es in den Großstädten nicht eine ganz starke Entwicklung in Richtung Pluralität und Diversität?

Anja Dorn: In dicht bevölkerten Großstädten ist das so. Die Situation in Köln ist zum Beispiel eine ganz andere, alleine schon durch den stärker vertretenen Tourismus. Die Frage nach öffentlichen Räumen spiegelt sich vielmehr in kleineren Städten wie Aachen und Düren wider. Die Aufgabenstellung ist komplizierter. Aber es lohnt sich, diese anzugehen!

Na.de: Im Leopold-Hoesch-Museum gibt es seit ein paar Monaten immer samstags und sonntags den "Weekend Club" von Roswitha Hefter. Ist das ein Weg, das Museum als öffentlichen Raum auch für Kunstferne zu etablieren?

Anja Dorn: Ja, genau. Ich freue mich, dass Roswitha Hefter hier ist und den "Weekend Club" mit so viel Liebe gestaltet. Essenskultur ist ein wichtiger Teil kulturellen Lebens und Er-Lebens. Sinnliche Wahrnehmung und Kunst bedingen sich gegenseitig. Die direkte Verbindung zum Leopold-Hoesch-Museum als Ort der Kunst und der Inspiration ergibt sich alleine schon aus dem tollen Ambiente, das wir hier haben. Bei den Installationen an der Wand hat sich der Künstler zum Beispiel vom Rauschen der Großstadt inspirieren lassen.

Na.de: Womit wir einen thematischen Kreis um Klein- und Großstadt geschlossen hätten. Vielen Dank, Frau Dorn, für das Gespräch!

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Neugierig geworden? Mehr Informationen finden Sie auf den Webseiten des Leopold-Hoesch-Museums und des Papiermuseums.