Na!? Bravo!
Kunst, Kultur
Wohl dem, der ein aufmerksames Ensemble hat: Zur 100. Inszenierung als Regisseur wurde Theaterchef Tom Hirtz mit einer passenden Fotocollage bedacht. Seitdem ziert die gelungene Erinnerungsstütze das stylisch mit Palettenmöbeln eingerichtete Büro des 47-Jährigen. Seine Erklärung: "Die stammen von einem Bühnenbild und waren mir einfach zu schade, um sie wegzuwerfen. (Foto: Bernd Born)
NA!? BRAVO! 23/01/2015

DAS DA THEATER: Aus dem Nichts initiiertes Erfolgsstück von Tom Hirtz ist längst eine never-ending Story.

von Bernd Born

Wow - das sind genau die Geschichten, die wir auf NA!? erzählen möchten! Von einem, der auszog, um seinen Traum (vom eigenen Theater) zu verwirklichen. Trotz aller Bedenken und Warnungen, den sicheren Broterwerb beim Aachener Stadttheater doch bitte schön nicht für diese spinnerte Luftschloss-Idee aufzugeben. Wir dürfen vorstellen: Tom Hirtz, Jahrgang 1967, wahlweise Geschäftsführer, Künstlerischer Leiter, Regisseur oder Dramaturg der DAS DA THEATER gemeinnützige GmbH und - in welcher Funktion auch immer - seit nunmehr 28 Jahren (!!!) prägender Impulsgeber der Theaterszene in der StädteRegion Aachen.

DAS DA in der Liebigstraße 9 ist das größte professionelle Freie Theater in der StädteRegion Aachen. (Foto: Wilfried Schumacher)
Mark Haddons Roman "Supergute Tage" aus dem aktuellen DAS-DA-Programm ist ein internationaler Bestseller und wurde in England mit dem renommierten Whitbread Book Award ausgezeichnet. Der Dramatiker Simon Stephens hat daraus eine packende, theatralisch wirkungsvolle Bühnenfassung geschaffen. (Foto: Achim Bieler)
Kinder- und Jugendtheaterstücke (vornehmlich in den Schulen und Kindergärten der Region) sind seit jeher ein wichtiges Standbein des DAS-DA-Theaters. (Foto: Wilfried Schumacher)
Seit 1991 ist das Kindertheater mit einer kompletten bühnentechnischen Ausrüstung "op jöck" - als vor etlichen Jahren ein alter vor dem Schrottplatz geretteter 7,5-Tonner unwiderruflich das Zeitliche segnete, war die NetAachen gerne und aus voller Überzeugung bei der Finanzierung eines neuen Gefährts behilflich. (Foto: Bernd Born)

Mittwochmorgen, kurz vor Zehn - nach knackekalten aber dennoch angenehmen fünf Minuten Fußweg erreichen wir das quasi um die Ecke liegende DAS-DA-Domizil in der Liebigstraße und werden bereits freudig erwartet. Der erste Eindruck könnte besser nicht sein, schon im geräumigen Büro unseres heutigen Gesprächspartners stoßen wir auf ein stylisches Detail, das gut und gerne sinnbildlich für die uns in den nächsten gut 60 Minuten vermittelte Philosophie des etwas anderen Theaters stehen könnte. Schreib-, Konferenz- und Beistelltisch sind komplett aus mattweiß angestrichenen Europaletten gebaut (sieht top aus!) und verleihen dem Raum eine gewisse Extravaganz. Zwei Cappuccino und ein paar Streicheleinheiten für Ensemblehund Hera - schon stecken wir mittendrin in einer fesselnden Unterhaltung, die vor allem von der puren Leidenschaft des Erzählenden geprägt ist.

Tom Hirtz berichtet von der ehemaligen Theater-AG des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, dem unverhofften 1. Platz beim nordrhein-westfälischen Landesschülerwettbewerb anno 1987 und dem sich daraufhin einschleichenden Gefühl, "dass es doch schade gewesen wäre, danach einfach aufzuhören." Stattdessen also Nägel mit Köpfen: Mit seinen theaterspielenden Freunden, insbesondere aber mit seinen Eltern Josef und Friederike hatte der ambitionierte Neugründer unverzichtbare Unterstützer an seiner Seite, die ihm bei seinen Ohne-Netz-und-doppelten-Boden-Plänen konsequent unter die Arme griffen. Lediglich die Wahl der Location, eine ehemalige Wurstfabrik beziehungsweise Spedition, sollte der Erreichbarkeit in der damals noch als Peripherie geltenden Liebigstraße wegen anfängliche Zweifel aufwerfen. Querdenker Tom Hirtz ließ sich dennoch nicht beirren, listete die erst auf den zweiten Blick zu erkennenden Pluspunkte wie günstige Miete, Bushaltestelle in der Nähe, Fahrradwege, üppiges Parkplatzangebot und nicht zuletzt günstige Expansionsmöglichlichkeiten auf, um sich in aufwendige Restaurationsarbeiten zu stürzen.

Das ist jetzt über ein Vierteljahrhundert her und seitdem arbeitet das DAS DA THEATER in Aachen für ein ständig wachsendes Publikum. Weit über 100 Inszenierungen sind in dieser Zeit entstanden - aufgeführt in den beiden 110 und 130 Besucher fassenden Theatern in besagter Liebigstraße, im Innenhof der Burg Frankenberg (als ständige Outdoor-Spielstätte) und als tagein tagaus mobiles Kinder- und Jugendtheater in den Schulen und Kindergärten der Region.

Wir fragen nach: Was steckt eigentlich genau hinter der Spezifikation "Freies Theater"? Auf Wikipedia ist in diesem Zusammenhang von einer Bühne am Rande des etablierten Theaterbetriebes die Rede, die sich unkonventioneller Methoden bedient und mit wesentlich geringerem Budget auskommt. "Eigentlich ein Gegenentwurf zum klassischen Theater mit Guckkastenbühne und rotem Vorhang ", ergänzt Tom Hirtz: "Moderne Autoren, moderne Formen der experimentellen Gattung und ein anderes Ästhetikverständnis - hervorgegangen aus der 68er-Bewegung." Wir hören schon raus: Eigentlich! "Mit unserem festen Spielplan, 52.000 Besuchern und über 500 Vorstellungen pro Jahr passen wir da überhaupt nicht mehr rein", weiß Hirtz "eine gewisse Zwitterfunktion" mit weiteren Zahlen zu untermauern: 2500 Abonnenten, 25 feste Mitarbeiter mit acht ständig präsenten Schauspielern, drei Regisseuren, Technikern, Bühnenbildnern und etlichen zusätzlichen Honorarkräften - dazu ein Jahresumsatz von einer Million Euro. "Von der Struktur ähneln wir schon sehr einem Stadttheater", räumt der studierte Germanist, Politologe und Soziologe freimütig ein, ohne zu ahnen, seinem Lebenswerk auf diese Art und Weise die gebührende Anerkennung zukommen zu lassen.

Der Spielplan wird von modernen Klassikern und zeitgenössischen Stücken beherrscht, die sich mit aktuellen Gesellschafts-Phänomenen auseinandersetzen. "Wie im Kinder- und Jugendtheater arbeiten wir aber nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern setzen bewusst Reizpunkte und werfen Fragen auf", hat Hirtz, der mit Regie-Kollegin und Ehefrau Maren Dupont sowie seinen Kindern Theresa (17), Jim (5) und Piet (2) im belgischen Henri-Chapelle lebt, ein konkretes Beispiel aus der aktuellen Spielzeit parat: "In Kooperation mit dem Ludwig Forum zeigen wir als Aachener Erstaufführung ein Stück mit dem provokanten Titel 'NippleJesus' - amüsant, intelligent und die Sicht auf den Kunstbetrieb hinterfragend." Neben einem zusätzlich ins Programm integrierten Theaterdinner in der Brasserie AIX (Bismarckstraße 79) ist auch die Palette musikalischer Werke groß. Vom thematischen Liederabend bis zur Revue, von der klangvollen Hommage bis zum Musical reicht das Repertoire.

Hirtz' Steckenpferd ist und bleibt jedoch die Arbeit mit jungen Menschen: "Wir können uns nicht darüber beschweren, dass die jüngere Generation nicht mehr ins Theater kommt, wenn wir ihr nicht schon im Kindesalter eine erlebbare Brücke bauen." Eine besondere Bedeutung kommt somit dem im September in benachbarten Räumlichkeiten neueröffneten Theaterpädagogischen Zentrum (TPZ) unter der Leitung von Tanja Meurers zu. Das dazugehörige Konzept beinhaltet stückbegleitende Informationen sowie besondere Angebote für Senioren, Menschen mit Behinderung, Kinder und Jugendliche sowie Lehrer und Erzieher.

Tom Hirtz macht sich nichts vor - staatliche oder städtische Förderungen für sein DAS DA THEATER werden auch in Zukunft die Ausnahme bleiben. "Umso glücklicher sind wir, dass wir uns über all die Jahre einen verlässlichen Sponsorenpool aufbauen konnten", so der Mann, der stets den persönlichen Kontakt irgendwelchen Bittschreiben vorzieht: "Der unkomplizierten Unterstützung von NetAachen verdanken wir beispielsweise die Mobilität unseres Kinder- und Jugendtheaters und die Einrichtung eines Kinderfonds." Mit besagten Mitteln konnten im letzten Jahr zwei Aufführungen und zwei Workshops für die Kinder der Städtischen Katholischen Grundschule Passstraße finanziert werden. Und mehr noch: "Darüber hinaus haben wir elf Kindern und Jugendlichen eine kostenfreie Teilnahme an Kurs- und Workshop-Angeboten ermöglicht, deren Eltern die Teilnahme nicht aus eigenen Mitteln hätten finanzieren können."

Das DAS DA THEATER im Aachener Norden - herrlich anders, leidenschaftlich professionell, unverzichtbar in der hiesigen Kulturlandschaft und immer einen Besuch wert. Soll heißen: Wir werden uns dort in naher Zukunft einen net(t)en Abend machen. Vielleicht sehen wir uns ja dann ;-)

Weitere Informationen zum DAS DA THEATER (Termine/Aufführungen, Team, Spielzeit, Kindertheater, Karten/Abo, Kontakt etc.) und zum Theaterpädagogischen Zentrum (TPZ) unter www.dasda.de oder auf facebook